Es wird empfohlen um im gefährlichen Abschnitt nicht aufgehalten zu werden

Vorgestern ist mir also der Bus weggefahren aus eigener Dummheit.

OK.

Gestern versuchte ich es noch mal und bin wieder mit dem Bus hoch. Diesmal aber bis zur Kreuzung Aparta Caminos. Dort kann man in einen anderen Bus umsteigen, der nach Vallehermoso fährt, wenn er denn wartet.

Tja, er war nicht da.

Mit mir warteten eine Klugscheißerin und ein Schwabe. Die Klugscheißerin fragte den Schwaben, wo er denn hin wolle. Der Schwabe antwortete, er wolle die Wanderung Nummer 15 aus seinem Reiseführer machen; er wüsste nicht genau, wo die hinführt.

Die Klugscheißerin hatte natürlich gleich jede Menge Tipps parat.

Ich hielt mich so weit abseits, wie es ging, um den Bus noch zu kriegen, falls er wieder Erwarten noch eintreffen sollte, ohne in den Klugscheißereinzugsbereich zu geraten. Bald war aber klar, der Bus war weg.

Ich überlegte also, was ich jetzt tun könnte. Der Plan war eigentlich, nach Vallehermoso zu fahren, dort runter an den Strand zu laufen, zum Castillo de Mar zu gehen, ein Schloss, das „El Fotografo“ Thomas Müller auf den Überresten einer alten Bananenverladestation erbauen ließ als Treffpunkt für Kunst und Kultur, dass jetzt allerdings leider geschlossen ist. Eins der vielen gescheiterten Projekte auf dieser Insel.

(auf dem Weg nach Epina, Blick auf den Teide)

auf dem Weg nach Epina, Blick auf den Teide

auf dem Weg nach Epina, Blick auf den Teide

Später um 12.00 Uhr wollte ich dann den Bus nach Hermigua und von dort den Weg über die Wasserfallroute hoch nach El Cedro nehmen, in El Cedro in der dortigen Bar Kressesuppe essen und dann weiter hoch noch nach El Cercado laufen und dort tot zusammen brechen oder so ähnlich.

Dort stand ich also, mit einer Klugscheißerin und Wanderweg Nummer 15. Die beiden schafften es doch noch, mich in ihre sinnlosen Gespräche mit einzubeziehen, aber nur kurz. Mein größtes Talent ist Unfreundlichkeit, also machte ich davon Gebrauch.

Sie gingen dann bald los zusammen. Zwei, die sich gefunden hatten. Eine die alles weiß und es jedem erzählt, und einer, der gar nichts weiß.

Und an dieser Stelle möchte ich doch gerne mal wieder etwas loswerden:

Warum – zum Teufel – gibt es Leute, die einem zwanghaft ungefragt ständig Ratschläge und Tipps geben müssen. Wenn ich nicht frage, dann möchte ich auch keinen Ratschlag. Ist doch ganz einfach. Der Grund für die zwanghafte Klugscheißerei liegt auch nicht im Bedürfnis zu helfen. Der Grund ist wohl eher das egoistische Bedürfnis, sich über andere zu stellen. Ich empfinde das als äußerst unhöflich und bin meinerseits bereit äußerst unhöflich zu werden.

Ich gebe hier niemanden mehr Tipps; es sei denn, ich werde um einen gebeten. Die Leute sind hier, um ihre eigenen Erfahrungen zu machen und nicht um sich jedes Ereignis von einem Klugscheißer vorkauen zu lassen. Ich sage nur etwas ungefragt, wenn ich sehe, dass sich jemand unwissendlich in Gefahr bringt.

Manchmal treffen aber auch zwei oder mehr Klugscheißer aufeinander. Dann werden endlose simultane Monologe gehalten, wer welchen Weg gegangen ist und wie schön das war und das müssen sie unbedingt auch machen …

Ich ließ der Klugscheißerin und Wanderweg Nummer 15 einen gehörigen Vorsprung und lief wenig später ebenfalls nach Epina. Von dort wollte ich nach Vallehermoso laufen und ohne zum Castillo gegangen zu sein den Bus um 12.00 Uhr nehmen. Leider waren die beiden zu langsam und ich traf sie kurz nach Epina vor dem Abstieg nach Vallehermoso nochmals. Ich hielt mich nicht lange auf, wir wechselten ein paar Worte und ich wollte weiter.

Klugscheißerin sagte noch: „Da vorne ist ein Schild, das können Sie nicht verfehlen.“

Vielen Dank auch.

Gegen 11.00 Uhr war ich dann in Vallehermoso und lief ein bisschen hin und her, traurig, dass ich nicht mehr zu diesem magischen Ort am Strand gehen konnte, aber nach einem Bocadillo und einem Cafe con Leche in einer Bar an der Plaza war das schon wieder vergessen. Es wurde langsam ziemlich heiß.

in Vallehermoso ein bisschen die Strasse herunter Richtung Castillo de Mar

in Vallehermoso ein bisschen die Strasse herunter Richtung Castillo de Mar

ganz unten in Hermigua

ganz unten in Hermigua

Auf dem Weg zum Naturschwimmbecken

Auf dem Weg zum Naturschwimmbecken

Der Bus kam und ich fuhr nach Hermigua, schaute mir die dortige „Pilotobar“ an, die mir hier Leute empfohlen haben, war aber nicht begeistert, lief noch ein bisschen herum, auch zum Natursteinbeckenschwimmbad, wo mir dieses Schild ins Auge sprang, dass auf eine sehr interessante Art und Weise Gebrauch von der deutschen Sprache machte:

„Es wird empfohlen um im gefährlichen Abschnitt nicht aufgehalten zu werden“

„Es wird empfohlen um im gefährlichen Abschnitt nicht aufgehalten zu werden“

„Schön“, dachte ich.

Ich lief dann im Tal aufwärts bis ich zur Bar „Casa Creativa“ kam, wo ich Atún en salsa con papas arugadas essen wollte (Tunfisch in scharfer Soße mit Kartoffeln im Salzmantel). Eigentlich war die ganze Tour um diese riesige Portion Tapas herumgeplant und ich war wirklich enttäuscht, als mir der Typ hinter der Bar sagte, Tunfisch sei aus. Aber was soll’s. Eigentlich war es ganz gut, denn die nun folgende Tour war ziemlich schwer und im nach hinein war ich ganz froh, einen leeren Magen zu haben. Es war auch mittlerweile so heiß, wie allenfalls im Hochsommer. Es war ein wirklich schöner Tag, aber eigentlich nicht optimal für eine anstrengende Tour.

Ich ging also talaufwärts in Richtung Wasserfallroute und El Cedro. Ein wunderschöner Weg, aber mit gehöriger Steigung; vorbei an eben diesem bekannten Wasserfall, der zwar schön, aber nicht unbedingt eindrucksvoll ist. Es sind jedenfalls nicht die Viktoriafälle. Es ist aber – wie gesagt – ein schöner Weg.

die schoene Wasserfalltour nach El Cedro

die schoene Wasserfalltour nach El Cedro

El Cedro

El Cedro

El Cedro liegt so auf 850 Meter und der Weg geht sozusagen durch eine Bar hindurch. Sehr schlau, finde ich. Ich setzte mich total verschwitzt hin, aß eine Kressesuppe und trank einen Orangensaft. Allerdings rannte mir die Zeit weg und ich musste schnell weiter. Also ging ich bald los und folgte dem Weg in Richtung El Cercado bis fast zum höchsten Punkt der Insel auf 1400 Metern. Dort gibt es eine Straße und eine Piste sollte auf der gegenüber liegenden Seite weiter nach El Cercado führen. Nur – da war keine Piste, die dort abging. Nur auf meiner Karte. Mist. Scheißkarte. Hatten die den Wanderweg abgeändert? Bin ich weiter südlich herausgekommen auf die Passstraße? Ich wusste es nicht und lief einfach in südlicher Richtung die Straße weiter, bis ich nach Pajaritos kam. Von dort ging es weiter westlich nach Igualero, Es war schon spät; also wartete ich auf den Bus zurück nach Valle Gran Rey. Ich war ausgelaugt, schwitzend und stinkend, aber glücklich.

Igualero liegt vielleicht in einer Höhe von 1350 Metern. Deshalb war es ein wunderschöner Anblick, als vor mir die Sonne über einem Meer von Wolken unterging.

Endstation Sehnsucht. Sonnenuntergang in Igualero

Endstation Sehnsucht. Sonnenuntergang in Igualero


Neben mir war ein Bauernhof. Die Hühner liefen über die Straße, liefen frei herum und bald fiel mir etwas Eigenartiges an den Hühnern auf:

Die Hühner liefen nur dann über die Straße, wenn ein Auto kam. Sonst nicht. Immer nur ein Huhn rannte los, kurz bevor das Auto da war, sodass es bremsen musste, oder das Huhn flog gackernd ganz knapp auf die andere Seite.

Was hatte das zu bedeuten?

Waren es depressive Hühner, die ihrem Leben ein Ende setzen wollten?

War es eine Art Hühnermutprobe?

Ich kam nicht richtig dahinter und als der Bus eintraf, waren alle Hühner unversehrt auf der Seite des Bauernhofs angekommen. Dieses Rätsel genauso wie das Rätsel, warum mir der Rücken immer genau an der Stelle juckt, wo ich mit den Händen nicht ran komme, werde ich wohl nie lösen.

Bei der Einfahrt nach Valle Gran Rey fiel mir zum ersten Mal das Ortsschild auf: Irgendjemand hat jeweils die ersten Buchstaben ueberschmiert:
Also stand dort: „alle ran ey“
Das darf getrost als Inselmoto verstanden werden.
Kaputt, aber glücklich in Valle Gran Rey zurück, machte ich mich auf die Suche nach etwas Essbaren. Ich ging nach Vueltas und dort sprach mich „Aglaria“ an, die frisch mit der Fähre angekommen war, ein Zimmer suchte und keins fand. Also führte ich sie quer durch den Ort, versuchte, ihr ein Zimmer zu verschaffen und so trieb es uns die ganze Bucht entlang bis nach La Playa und zur Bar Maria, wo sie ihr endlich ein Zimmer gaben. Sie entpuppte sich als sehr lustige und nette Holländerin. Wir waren dann noch zusammen essen und haben uns für morgen ein Auto gemietet, um über die Insel zu fahren. Das wird bestimmt nett.

Viele, liebe Grüße

Wolfgang


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