Kurz vor dem Jahreswechsel auf La Gomera

So, jetzt bin ich wieder hier. Ich sitze in einem Apartment,  in dem ich vorher noch nie war. Es hat ein Hochbett. Das ist irgendwie witzig und auch gemütlich. Allerdings wohl nur im Winter. Im Sommer ist es bestimmt sehr stickig da oben.
Das Apartment ist in der Casa Florida ganz oben in La Calera, fast auf Höhe der alten Schule, die langsam komplett in sich zusammenfällt, weil sie schon seit vielen Jahren nicht mehr verwendet wird. Hier oben habe ich die letzten Male gewohnt. Man hat den Blick runter in die Bucht und kann alles sehen, hat aber das Gefühl von Ruhe, weil kaum ein Geräusch hier herauf dringt. Man hört nur den Wind … naja und manchmal auch Xenia, die Tochter meiner Vermieterin, die jetzt circa 1,5 Jahre alt ist und wie eben gerade auch mal heult, wie das kleine Kinder manchmal eben machen. Sie ist sehr süß.

Wer nach La Gomera will und eine „ausgewogene Mischung“ zwischen Leben, Strand, Essen gehen und viel Ruhe sucht, dem empfehle ich wie immer La Calera. Allerdings ist der Strand schon etwa 20 Minuten Fußweg entfernt und etwa 150 Meter weiter unten. Wenn man dann also spät in der Nacht nach einem ausgedehnten Besuch in der Jazzbar versucht, zu seinem Bett zu kommen, kann das unter Umständen schon zu einem gewissen Problem werden. Aber im Notfall kann man sich ja einfach seitlich in die Büsche schlagen und in einem Bananenfeld die Nacht verbringen. Das tun hier eh einige täglich.
Während ich den letzten Absatz geschrieben habe, hat sich einiges getan. Flor – meine Vermieterin – kam zu mir und fragte mich, ob ich das Apartment jetzt wechseln will. Das hatten wir so abgesprochen, wenn eins frei wird. Jetzt sitze ich auf der kleinen Gemeinschaftsdachterrasse der Casa Florida und sehe der Sonne zu, wie sie über der alten Schule untergeht. Ich sitze jetzt über der alten Schule, über allem. Na also.
Die gestrige Reise hierher war eine ziemliche Strapaze; irgendwie scheint es gar keine pünktlichen Flüge mehr zu geben. Die letzten fünf Male, die ich geflogen bin, war der Flug verspätet. Diesmal luden sie uns 15 Minuten vor Abflugzeit zwar ins Flugzeug, dann kam allerdings eine Ansage, dass wir aufgrund der Verzögerung keinen Landeslot mehr auf Teneriffa hätten und erst auf einen neuen warten. Also warteten wir. Und zwar anderthalb Stunden in einem stehenden Flugzeug. Das war mal eine ganz neue Art von Verarschung. Aber was soll es, danach ging es dann los.
Auf diesem Flug gab es unzählige Kinder, die kreuz und quer durchs Flugzeug krabbelten, bis eins der Kinder seine Mami nicht mehr finden konnte. Es schaute die Stewardess traurig an und jammerte: „Mami, wo ist meine Mami“. Die Stewardess schickte eine andere Stewardess los, um die Mami ausrufen zu lassen. Die kam dann aber doch noch. Na Gott sei dank. Die hätten sich nie wieder gefunden, da bin ich sicher.
Wenig später rempelte mich ein Mann aus dem Weg und rannte in den vorderen Bereich. Ich wollte nur mal kurz die Glieder strecken. Unter Zuhilfenahme meiner narzisstischen  Präposition dachte ich noch: „Was für ein Arschloch!“, aber wenig später sah ich, dass irgendjemand einen Schwächeanfall hatte, kurz darauf kam eine Ansage, ob medizinischen Personal an Board wäre, es gäbe einen Notfall. Wer Arzt ist, soll doch bitte den Rufknopf drücken.
Ich sah etwa 20 rentnerartige Hände wie ein Mann den Rufknopf drücken, geführt von 20 Rentnerärzten, die offensichtlich auf Teneriffa ihren Winterschlaf verbringen wollen. So viele Ärzte, da kann man sich jede Krankheit an Board leisten; alles ist abgedeckt, dachte ich.
Der Frau ging es schon bald wieder besser, obwohl man Sie hinter dem Pulk von Ärzten eine Weile gar nicht mehr sehen konnte. Vielleicht tat sie auch nur so, als ginge es ihr besser, aus Angst, von all diesen Ärzten erdrückt zu werden. Man weiß es nicht. Jedenfalls hat sich ein Vorurteil, das mit Rentnern und Kanaren zu tun hat wieder voll bestätigt.
Als wir dann gefühlt viele Stunden später zum Landeflug ansetzten, fingen ausnahmslos alle Kinder an zu schreien. Wie gesagt – es waren viele Kinder. Es tut mir auch leid, die hatten bestimmt alle Ohrenschmerzen. Das ist weder angenehm noch ungefährlich, wenn der Druckausgleich im Ohr nicht richtig funktioniert. Trotzdem ist es schon eine echte Prüfung, so viele schreiende Kinder nach 7 Stunden in einem Flugzeug hören zu müssen. Ich versuchte einzelne Stimmen herauszuhören und konnte 4 Kinder aus dem Meer der Schreie klar heraushören. So machen das also Mütter.

Aber irgendwann geht alles zu Ende also was soll’s. Ich verließ den Flughafen von Tenerife Reina Sofia, der Bus nach Los Cristianos kam auch schon bald und – war randvoll. Ich kam gerade noch rein und musste stehen. Das habe ich noch nie erlebt, aber nach dem ganzen Gesitze im Flugzeug war das ganz OK.
In Los Cristianos angekommen rannte ich gleich los zum Hafen. Ich wollte die Fähre nicht verpassen. Es stellte sich aber heraus, dass die gar nicht fuhr. Als ich mir einen abstammelte auf Spanisch, was denn mit der Fähre wäre, sagte die Frau hinter der Panzerglassscheibe nur, dass sie es nicht wüsste und auch nicht sagen könne, wann sie wieder fahren wird. Mmmh. Naja, es gibt noch die große Fähre, die allerdings nicht nach Valle Gran Rey durchfährt, sondern nur bis San Sebastian im Osten. Die Fähre sieht aus wie ein Borg-Kubus aus der Serie Enterprise Next Generation. Es ist irgendwie unsexy damit zu fahren, aber was soll es.
Nach zwei Stunden Wartezeit kam sie ja schon.
Eine gute halbe Stunde später legten wir in San Sebastian an. Anschließend nahm ich dann wieder einmal den Bus quer über die Insel. Tja, und dann nach 1,5 Stunden links und rechts und schnell und langsam: La Calera. Na endlich.
Abends traf ich dann noch Rico in der Jazzbar. Auch die Kellner Anna und der Engländer, dessen Namen ich nicht weiß, die beide vorher in der Gomera-Lounge gearbeitet hatten, bis diese zumachen musste, weil sie keine Erlaubnis hatte, Lifemusik  spielen zu lassen, dies aber trotzdem tat. Das finde ich wirklich schade. Die Gomera-Lounge war eine Bar von Thomas Müller „El Fotografo“ der Insel. Sie war wirklich gut. Ein Ort zum wohl fühlen und guter bis schlechter (echt schlechter) Lifemusik. Letztes Mal im Mai als ich hier war, war sie schon geschlossen. Jetzt bauen sie dort offensichtlich alles um oder aus. Keine Ahnung. Aber die Lounge ist Geschichte.
Ich unterhielt mich dann eine ganz Weile mit Rico in der Jazzbar. Es war eine sehr ungewöhnliche Unterhaltung. Ungewöhnlich daran war nicht, dass Rico mir alles mögliche über seine neuesten Erfahrungen mit Außerirdischen erzählte, dass die ihn dazu gebracht hätten, wieder zu trinken, dass sie ihn prüfen wollten, sein Wissen, seine Stärke, dass er 6 oder 7 Kampfsportarten kann und so weiter. Das war alles ganz normal. Ich habe mir dieses Mal nur vorgenommen, jede Reaktion, die ich zeige und jede Antwort, die ich gebe, ganz bewusst aus einer Menge von möglichen Antworten und Reaktionen auszusuchen. Vorher eine kurze Pause einzulegen. Das führte dazu, dass ich nichts sagte wie „Äh Rico, vielleicht bildest Du Dir das nur ein?“ oder „Du bist vielleicht ein kleines bisschen irre, oder?“.
Nein, das tat ich nicht, sondern im Endeffekt stellte ich ihm nur Fragen. Das hatte den Effekt, dass er sich immer weiter hineinsteigerte in seine eigene Welt und immer mehr erzählte und alles verschwamm zu einem einzigen großen Erich van Denicken-Brei, Jesus und Buddha als Außerirdische Zeitreisende, die Planung einer spirituellen Dorfgemeinschaft auf dem Los Muchachos auf La Palma, neben der Sternwarte. Denen wollte er dann auch immer vorhersagen, wann die Ufoangriffe passieren. Der Weltuntergang nach dem Mayakalender am 23.12.2012, bei dem aber etwa 10 Prozent der Menschheit überleben werden. Eine endlose Verstrickung und ich ließ ihn immer weiter reden, bis er nicht mehr konnte. Ich hoffe, ich habe ihm damit nicht geschadet, denn wer wie ich Akte-X gerne sah, der wird Rico wohl auch gerne zuhören.
Ich mag ihn.

Draußen am Strand von La Playa hatte in der Zwischenzeit eine kleine Flutwelle den allgemeinen Dorfplatz mit Kapelle überspült. Die Küstenstraße wurde gesperrt und überall lagen kopfgroße Steine. Die Wucht der Wellen ist immer wieder erstaunlich. Solche Steine tragen sie mit Leichtigkeit durch die Gegend. Heute hörte ich, dass in Vueltas am anderen Ende der Bucht von Valle Gran Rey ein Mann verletzt wurde, weil die Kai-Mauer überspült wurde. Er war dort wohl angeln. Jedenfalls kam der Hubschrauber. Das muss wohl ernster gewesen sein.
Alles in allem war heute allerdings nicht viel zu sehen. Es scheint nicht so schlimm gewesen zu sein, aber es werden weitere stürmische Tage erwartet. Mal abwarten.
Heute schien zum Ausgleich wieder die Sonne, jedenfalls hier im Tal des großen Königs. Da steigt die Laune und das angeschlagene Gemüt erholt sich in kurzer Zeit. Zur Feier des Tages ging ich wieder einmal ins „Café Ole“ und aß ein leckeres Frühstück. Dann lernte ich Spanisch und sah nebenbei zu, wie sich die Creme de la Creme der mittlerweile etablierten Hippiegesellschaft von La Gomera dort traf. Ein stetes Kommen und Gehen. Auch ein paar Bekannte waren dabei. Ich glaube, ich habe das schon mal erwähnt, aber wer gut frühstücken will in Valle Gran Rey, der sollte hierher kommen.
Morgen werde ich eine meiner liebsten Wanderungen machen: Rauf nach Arure, dann runter nach Taguluche, da in der Einsamkeit auf der alten verfallenen Verladestation herumklettern, von der nur noch Säulen im Meer stehen, dann einen anderen Weg zurück bis kurz vor Arure und wieder runter nach La Calera. Es ist ein toller Weg nach Taguluche. Er ist sehr steil, aber man sieht immer schön in den Baranco herunter. Ein wunderschönes Tal.

Bis bald

Wolfgang


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